Die Titel klingen banal: "der Park", "das Schwimmbad", "das Zimmer". "Meine Bilder sind wie Seiten eines Tagebuchs", erzählt François Glineur, ein Amalgam aus Alltäglichem, Erlebtem und Fiktivem. Alles dreht sich ums Zwischenmenschliche, um Sex, den Einkauf, Mann und Frau. Bilder, halb Zeichnung, halb Malerei; Bilder, die man so nicht bei Guillaume Daeppen erwartet hätte, wenngleich der Galerist Zeichnungen des jungen Franzosen schon im Herbst in einer Gemeinschafts- austtelung gezeigt hat. "Es war ein Risiko", räumt Daeppen ein.
Doch der Mut hat sich gelohnt. Die erste Ausstellung von Glineur im Ausland ist vielversprechend. Sicher, nicht alles sind Meisterwerke. Die spontane Art des Künstlers führt manchmal ins Hektische. Man blickt in ein Meer von Strichen, von überstrapazierten Farben. Dort aber, wo der 30-Jährige den Hintergrund auf einzelne Farbfelder reduziert, wo sich seine Figuren in wenige Striche auflösen und die Farbe des Fonds sie durchdringt, schafft er ausdrucksstarke Szenen: "Der Stier", eines seiner jüngsten Gemälde, weist in diese Richtung.
Wie ein Bruch wirkt diese Arbeit im Vergleich zu den früheren Zeichnungen: weg vom Comichaften, weg von der Abgrenzung der Figuren. Abstrahierendes und Figürliches mischen sich zu einem spannungsgeladenen Werk. Nichts hält den Rodeoreiter mehr auf den Stier. Seine Hand ist bereits nach unten ausgestreckit, das wilde Tier unbeweglich. Der Moment des Abwurfs, des Scheiterns ist eingefroren. Glineurs markanter Zeichenstil entfesselt Geschichten. Warum legt der Mann beim Einkauf seiner Frau die Hand auf die Schulter, dreht seinen Kopf weg und schaut dermassen gelangweilt? Wenn es darum geht, alltägliche Stimmungen einzufangen, ist der junge Franzose schon jetzt ein Meister.
Marion Benz
in Basler Zeitung vom 17. April 2003
