Muriel Anastaze gastiert mit ihren surrealen Welten in der Galerie Daeppen
Muriel Anastaze konfrontiert uns mit Objekten, die in der Vergangenheit verortet sind und in die Gegenwart wirken.
Auf sieben Fotografien posiert ein nackter Mann, zeigt seine Schönheit, bevor er vierzehn Tage später Suizid begeht. Um die Konturen des Körpers hat die Künstlerin Muriel Anastaze mit einem roten Stift Texte geschrieben: Gedanken, Erinnerungen und Aphorismen. Die Arbeit nennt sich "l'ombilic des songes" und zeigt die jahrelange Beschäftigung mit einem guten Freund der Künstlerin, der an Aids gestorben ist, bevor die Folgen dieser Krankheit überhaupt breiten Bevölkerungsschichten bekannt waren.
Verschlossen. Die Arbeit verschränkt verschiedene Zeitebenen und Lebens-bereiche miteinander und gewährt den Erinnerungen alter Geschichten neue Räume. Die in den Bewegungen des Mannes formulierte Lebensbejahung und Offenheit kehrt auch in anderen Arbeiten wieder und vermischt sich mit unterschiedlichen eigenen Erinnerungen an die jüdische Familie, das eigene Theaterspiel, das Studium der Psychologie oder die eigene Sexualität. Dies manifestiert sich etwa in der Installation, die an einen Requisitenkasten eines verlassenen Theaters erinnert. In grossen Einmachgläsern lagern blaue Glasperlen, darüber Kieselsteine und schliesslich eine Kinderpuppe, deren Oberkörper im Begriff scheint, das Glas zu verlassen. Oder ein kegelartiges Einmachglas, in dem sich unterschiedliche Puppenköpfe befinden.
Das geschlossene Glas als Metapher des Erinnerns, verschliessbar und doch bis in alle Ewigkeit gegenwärtig. Und daneben die bei Ikea gekauften Gliederpuppen, in altmodischen Kostümen, die ihnen eine spezifische Rolle wie in der Commedia dell'Arte zuweisen, mit einem übergrossen Phallus und Bezeichnungen wie "Homme-éther" oder "Homme-fleur" versehen.
Vergangen. Es sind surreale Welten, auf die wir hier treffen, wie wir sie von den Collagen Max Ernsts kennen, die an Kunst vergangener Jahrhunderte erinnern und doch immer wieder Bezüge zum Jetzt herstellen. "rêveries" ist insofern ein pragmatischer Ausstellungstitel, als er als Zwischenglied der unterschiedlichen Ebenen und Geschichten verstanden werden kann - jener der Realitàten und jener der Träume, Phantasien, Erinnerungen. Das klingt bisweilen wie bei Alice im Wunderland und kommt oft genauso surreal daher.
Simon Baur
in Basler Zeitung vom 10. November 2005
