Gemetzel


Isis sammelt Osiris auf.
Kleine Pakete Knochen mit noch warmem Fleisch. Leichte Häuflein, die
entsetzliche Qualen und extravagante Lüste in den Körper einrammen.
Reste aufsammeln.
Das Gemetzel wurde mir als Erbe überlassen.
Rot von Geburt an und nie wieder Farben.
Der Körper wankt, alles Innere verkrampft, ihre Gespenster beklemmen.
Es gibt weder Arc noch Triomphe für das unbekannte Gespenst. Keine
Flamme zu entfachen um zu vergessen, um das Grausen als Strauss
niederzulegen, erlösende Huldigung.
Sich abschleppen mit den kleinen warmen Paketen des Gedächtnisses, den
kleinen Beuteln Eingeweiden, zurückgeholt aus den konzentrierten Lagern
meines Schmerzes.
Das Knistern des Schreis zwischen den Falten meiner Träume, wie Seide
zwischen den Fingern des Geliebten.
Jedes Wort kostet.
Alles will im Schrank bleiben, mit meinen Leichen, mit den alten Kindheits-
ängsten, die immer wieder zurückkommen aus dem Land wo sich unheimliche
Tiere unter die Wolken mischten und ihnen ein wildes und unheilvolles Aussehen
gaben, wo die spitzen Schnäbel der Vögel mein Kinderauge ausreissen wollten.
Wenn ich augenblicklich stürbe, und man schnitte mich entzwei, man fände nichts
unter dem beunruhigenden Licht des Leichenschauhauses, nichts, weder
Eingeweide, noch Knochen, noch Blut, nur Wasserstaub und dieser
unbestimmbare Schmerz der Kindheit.
Ein wenig von ihrem getrockneten Blut auf meine Feder hauchen, um Rot zu
sagen und die verfluchten Massengräber verlassen, die sie verschlungen hatten.
Die Unvernunft ist eine unumschränkte Verpflichtung, ein Morgen, der nach der
Macht des Rot und der Schärfe des Schwarz verlangt, um nicht wieder
auszurutschen auf den Tropfen ranzigen Öls, um nicht wieder zu stolpern über die
zwischen Körper und Grab gespannten Fäden, um nicht zusammengefaltet im
Koffer zu bleiben, um nicht ihre Eingeweide in meinen Schoss gleiten zu lassen.
Hinter den Worten ist das Schwarze des Brandmals und der Anfang einer
Liebkosung um den unsäglichen Schmerz laut herauszuschreien.
Hinter den Worten ist.


Muriel Anastaze, 1999