Die Gegenpäpstin


Selten sind sie. Dass es jetzt eine in der Kunst gibt, ist eine echte Überraschung.


vom Siegmar Gassert
Basler Zeitung vom 1. März 1996


Einmal begehrte in Frankreich eine Frau auf, und sie liess sich als Gegenpäpstin ausrufen. Ihre Motive waren einsehbar. Die Kirchengeschichte zu blutig, der Macht-anspruch der Kirchenmänner zu unmenschlich, die katholische Kirche ein kulturen- überschreitendes wie überwältigendes System. Entsprechend ohnmächtig die Situa- tion der Frau, gebraucht und geschichtslos gemacht. Im Grunde hat Muriel Anastaze dieses Antiprogramm in die Kunst getragen und portiert es einmal als Stückeregis-seurin und vor allem mit ihren teils höllisch schönen Wandobjekten. Die, obwohl aus Fundmaterialien hergestellt, weder Objet trouvé noch Art brut sind. Vielmehr erin-nern sie an frühe Objekte von Meret Openheim und Louise Bourgeois.


In der Ausstellung dominiert ein poetisches Kreuz. Eine Fahnenstange, die in der Mitte eine Puppe kreuzigt, deren Beine gespreizt sind und ein erstaunt erschrecktes Kindergesicht hat, das rosenumwunden ist. Nach unten hängt ein blonder, ein un- schuldiger Haarzopf. Kindheitsträume verdichtet zu barocker Pracht. Solchen aus- gesetzten Puppen, deren Glieder verschränkt sind, begegnen wir immer wieder neu in diversen Wandobjekten. Wie bei Bellmer zeigen sie einen von aussen gewaltsam deformierten Körper. Kasteiung vom Schmerzlichsten. Aber die Anastaze hat einen ungeheuren, selbstspiegelnden Sinn für Erotik im Sinne des Träumerischen wie der realen Repräsentanz. Mittels Alchemie, Schwarzer Magie und illustrer Zauberkraft wird sie zur Frauenkämpferin, die im Tigerfell mit Muschelschoss die Verwirklichung der Körperansprüche einfordert. Auch als Ophélia tritt sie im Reliquenschrein stolz provokativ auf. Mit zahlreichen symbolischen Details geschmückt, schreitet sie in aller Ambivalenz den Grat zwischen Gut und Böse, Destruktion und Konstruktion, zwischen Gewalt und Zärtlichkeit ab. Ein Eiergelage wird zum Tabernakel, und selbst das eigene Mutter-Tochter-Verhältnis lässt sie als collagiertes Alte-Meister-Werk zur erotischen Gegenwart werden. Zwischen Engeln, Terror und Tod sucht sie sich und die liebe Welt - und gibt nie auf.