Muriel Anastaze: Am Anfang war das Wort; Im Namen des Vaters, etc.
von Birgit Kempker
Basler Zeitung, Magazin vom Februar 1994
"Das einzige Ende, das ich kenne, ist der Tod", sagt Robert Altman, Regisseur von "Short Cuts", einem Film, der gerade vielgeliebt in den Städten in den Kinos läuft. Ruhig leben möchte sie nicht, ruhig sterben schon, sagt Muriel Anastaze, die sich mehr zu Film und Literatur hingezogen fühlt als zur bildenden Kunst, was die Künste betrifft. Fellini gefällt ihr. Sie sei, so schreibt Muriel Anastaze: "... die kleine geschickte Schwester von Catherine Pozzi, Ionesco, Benjamin Peret, Jean Genet und Giacometti, Aristo-Bastard, in einer Welt, in der die Bourgeoisie die Leidenschaft verwünscht." Und so beschreibt sie sich auch: "Frau, Chamäleon auf dem Seil."
Was betrifft die Kunst? Sicher mal bewegt sie sich. Die Kunst bewegt sich sicher zwischen den Grenzen, die dadurch unsicher sind. Die Sicherheit der Kunst könnte man eine schlafwandlerische nennen. Die Grenzen, die sie dabei schlafwandlerisch umgeht, überfährt, kreuzt, umschifft, ausser acht lässt, gar nicht sieht, nicht mal Grenzen nennt, nicht mal nennt: Grenzen wie die Fragen nach Grenzen zwischen den Gattungen, Genres, Verfahren, Tabus, Länder, Sprachen: auch Grenzen wie Kunst oder Nichtkunst, symbolisch oder nichtsymbolisch; diese Grenzen selbst könnte man fiktiv nennen, so, dass das wirklich Imaginäre die Wirklichkeit wäre, die die Kunst sucht, ganz konkret als Ort aufsucht. Konkret auch, weil die Kunst die Worte gerne genau bei den Worten nimmt, was weniger Verdreherei ist, auch wenn es erst mal so wirkt, als ein um die Achse Drehn, um sich auch die Worte können das über den Rücken zu sehen. Stop. Hier geht es nicht um Worte. Auch wenn am Anfang das Wort war. Hier geht es um Kunst. Ob es hier um Kunst geht, soll nicht die Frage sein, sondern, was die Frage denn ist.
Wenn wir Engel wären, wäre es einfach und schön zugleich. Ein Engel ist deshalb ein Engel, weil hinten auf seinem Rücken, auf den Schulterblättern, da, wo Siegfried verletzbar war, genau unter den Flügeln, der Satz geschrieben steht, nach dem er sich, wenn er kein Engel wäre, immerzu umdrehen würde, sich kratzen würde, sich um sich selbst herum drehen, der Satz würde ihn beim Fliegen stören. Den Engel aber stört er nicht. Der Engel weiss von sich, indem er nicht von sich weiss.
Wir alle sind keine Engel. Darum wollen wir etwas wissen, wovon wir nichts wissen wollen. Darum wollen wir es auch immer wieder wissen. Was Muriel Anastaze wissen will, ist sehr einfach, nämlich die Wahrheit, la vérité, nicht gegen Tod, aber gegen den Tod, der nichts als Terror ist.
Muriel Anastaze versteht ihrer Arbeit als Schreiben, ihre Arbeiten als Schriften, Spuren, Gravuren, in Szene gesetzte Träume.
Sie habe die Sicherheit ihres schönen Hauses und den Job als Dozentin für französische Literatur und Regie in Portugal verlassen, um sich selbst hinter sich zu lassen. Auf dem Weg sein, das heisst bei Muriel Anastaze wirklich auf dem Weg sein. Auf den Wegen. Im Wagen. Sich hinter sich lassen, heisst, sich wirklich hinter sich hin lassen.
In einem Zirkuswagen rollt sie mit Freund, Sohn und Requisiten durch Europa. Das Atelier lässt sich wie eine Ziehharmonika je nach Gebrauch auseinanderziehen oder wieder zusammenpressen, was keine Metapher ist, sondern eine Raumbeschreibung. Der Arbeitsraum ist ein Raum, der, wenn er nicht gebraucht wird, kein Raum ist, dafür aber auf dem Weg, ein Raum, der immer ein potentieller Raum bleibt, weil er sofort wieder ausgezogen werden kann. Schöner kann ich mir einen Raum kaum denken als einen, der durch Räume fährt und je nach Gebrauch seine messbare Grösse verändert, nicht aber seine mögliche. Virtuell. Hier könnte ich das Wort mögen.
Sie wisse schon, sagt Muriel Anastaze, dass sich der Ort, auf den sie zurollt, ein Ort, wo die Wirklichkeit wirklich ist, also ein Ort hinter der Wirklichkeit, dass sich dieser Ort genau hinter ihrem Rücken befindet. Das hindert sie nicht, sich, wie alle Menschen, nach vorne vorwärts zu bewegen. Selbst der Kreis sucht Anschluss an sich selbst.
Alice hinter den Spiegeln. Alice in den Städten. Der einen begegnen wir im Buch, Lewis Caroll. Der anderen im Film in Wuppertal, Wim Wenders. Miroir ist kein Anagramm von Muriel. Schade. Könnte es aber sein. Der Name Muriel ist eine Mischung zwischen Spiegel und Wand.
"Im Namen des Vaters", der Titel einer Arbeit und der Ausstellung bezieht sich und entzieht sich dem: "Le nom-du-Père" von Jacques Lacan. Sie habe sich vom Kopf bis zu den Füssen mit Systemen, wie z.B. mit dem von Jacques Lacan, vollgestopft und davon genug, sagt Muriel Anastaze und: "Gott erschuf die Welt als Paradies. Es war eine geordnete Welt. Gott setzte Adam hinein und liess ihn an seiner Vernunft teilhaben. Gott aber ermüdete an der einförmigen Verständlichkeit, führte die Frau in die Welt ein und mit ihr die Frage in die Selbstverständlichkeit, den Widerspruch in die Behauptung, die Kunst in die Kenntnis, den Teufel in die Maschine", so zitiert Muriel Anastaze Abraham Moles in "LArt et lEvidence".
Nein, Im Namen des Vaters haben sich diese Figuren nicht versammelt. Im Namen des Vaters hat Muriel Anastaze ihre Puppen nicht an den Marterpfahl gebunden, der ein Spiegel ist. Im Namen des Vaters liegt erst recht nicht der glückliche Hermaphrodit mit pink Brüsten, grünen Warzen, goldenem Glied und rosa Zipfelmütze im Schrein und hält sich da die Augen zu. Im Nein aber ja. Im Nein des Vaters scheinen die Figuren erstarrt, eingefroren, aber mit Hinterausgang.
Ach, das Fleisch ist traurig, "la chair est triste". Aber, es sucht sich seinen Weg, und zwar anderswo. "Lieder des verbotenen Körpers", das gilt für alle Figuren, nicht nur für den schwarzen Kopf mit der gelben Feder. Verboten sind die Körper vielfach. Sie sind selbst verboten. Sie sind uns verboten. Sie sind interdit, untersagt. Nicht, dass sie keine Sprache haben. Die Lieder sind stumm. Sie sind zu hören.
Die Arbeit: "Au nom du père, etc" kuckt uns mit der Klitoris an, wenn man ein Auge suchen wollte und es diesmal nicht das von Gott sein soll, dann kuckt es auch gen Himmel, das Geschlecht, vielleicht ist es ein kleiner schwarzer Schwanz, wurzelt gleichermassen im Kopfort der Figur, der durch eine Tuchpassage verbunden und zugleich getrennt ist vom Geschlecht, wie die Tuchpassage auch links und rechts der Figur trennt und verbindet.
Die drei Perlen, die drei Wünsche, die Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, die fürsorgliche, die strafende, die bigotte Hand, die Hand, die den Phallus in die Höhe hält, oder ist die Hand Maria, die am Kreuz im Trauer kauert, denn natürlich ist die Figur ein umgekehrtes Kreuz, die Beine der Puppe sind die Arme des Kreuzes, die Arme der Puppe sind Balken für die gekreuzigten Füsse, das Kreuz spreizt sich in den Himmel, unschuldig: natürlich ist das in fremden Träumen mit eigenen Füssen vage und gewagt spazieren. Die Figuration lädt zwar ein, in ihr herumzugehen, eigene Bilder zu basteln, aber auch: Vorsicht. Betreten verboten. Benutzen unmöglich.
Die Puppe ohne Arme mit der weissen Manschette um den Brustraum (Manschetten haben heisst Angst haben, lese ich im Duden) und dem Ei im offenen Kopf, mit durch Nabel, Geschlecht und Mund gezogener Schnur und Perle im Mund, scheint mit der Schnur mit einem anderen Körper lose verbunden, vielleicht ist es auch kein Körper, aber er ist nicht interdit, er ist erlaubt und er erlaubt den anderen Körper, er lädt ihn ein, zu sein. Oder so. Tapfere kleine Krieger in dunkler Schlacht. Türhüter. Wachen. Sie bannen den Blick und den Schreck und sind selbst gebannt.
"Was mich ängstigt, ruft nach mir", schreibt Muriel Anastaze. Sicher, Angst hatten wir alle schon. Wir alle haben früher unsere Puppen geknebelt, den Kopf abgeschraubt und die Suppe eingelöffelt, die wir nicht essen wollten. Wir haben sie zerschnitten. Zusammengeleimt. Wir haben unsere Puppen symbolisch beladen und in Flüsse geschmissen. Wir haben ihnen die Bäuche aufgeschlitzt. Wir haben sie mit Ästen entjungfert. Wir haben sie mit Nägeln durchbohrt und echtes Blut auf sie tropfen lassen. Wir alle haben schon mal das Blut unserer Liebsten mit deren Haaren und Fussnägeln vermischt, in Erde getopft und einen Zauber versucht.
